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Die Referendarszeit bringt gleich am Anfang einen negativen Aspekt: Wohl viele angehende Referendare haben in der Zweit zwischen erster juristischer Staatsprüfung und Referendariats-Beginn nicht allzu intensiv gelernt. Andererseits wird man schnell mit (neuem) zu lernendem Stoff überhäuft und muss merken, dass nicht mehr die Zeit ist, um nochmal ernsthaft so eine Art “Crash-Kurs” im materiellen Zivilrecht zu starten. Andererseits, wenn man sich die alten Bücher aus der Studenten-/Examenszeit ansieht, muss man erkennen, dass hier im Regelfall schlicht zu viel steht – man kann nicht nur das alles in Fülle nacharbeiten, man muss es auch gar nicht mehr.

Bei meiner Suche nach “Kompaktskripten”, die einem das Wesentliche noch einmal ganz komprimiert zu Gemüte führen, sind mir vor allem zwei Werke aufgefallen:

  1. Materielles Recht im Zivilprozess von Tempel/Graßnack/Kosziol/Seyderhelm aus der JuS-Schriftenreihe
  2. Materielles Zivilrecht im Assessorexamen von Kaiser / Kaiser / Kaiser, Reihe “Assessorexamen” von Luchterhand

Vorab das kurze Fazit: Beide Bücher sind ausgezeichnet, aber auch mit sehr unterschiedlicher Zielgruppe. Das aufmerksame Lesen der Buchtitel verrät dabei schon die Richtung: Bei dem einen Werk steht “Zivilprozess”, das verspricht eine insgesamt an der praktischen Arbeit orientierte Lektüre. Das zweite Werk dagegen spricht vom “Examen”, was auch noch mal “Basics” erwarten lässt. Und in der Tat: Genauso sind beide Werke aufgebaut.

Beim materiellen Recht im Zivilprozess findet man keine Anspruchsgrundlagen, sondern auf konkrete und typische Fallkonstellationen ausgerichtete Texte. Dabei gehen die Autoren auf diese Fallkonstellationen ein:

  1. Gebrauchtwagenkauf aus Käufersicht
  2. Wohnraummietprozess
  3. Finanzierungsleasing
  4. Bauprozess
  5. Architektenvertrag
  6. Bauträgervertrag
  7. Provisionsanspruch des Immobilienmaklers
  8. Unfallhaftpflichtprozess

Man merkt schon an den Titeln: Basics gibts hier nichts. Hier liest man nichts über “den Kaufvertrag”, wohl aber mehr als 60 Seiten zum Gebrauchtwagenkauf. Das Ergebnis ist zweischneidig und überzeugend: Zum einen ist es eine gute Idee, die wesentlichen Aspekte der Praxis zielgerichtet aufzubereiten. Nur mit dem Wissen eines Studenten ist der alltägliche Streitfall um den kauf eines Autos oder die Miete einer Wohnung nicht ernsthaft zu bewältigen. Dabei ist der Schwerpunkt ganz klar das materielle Recht, das nun mit Blick auf die konkrete Fallkonstellation in praktisch zu handhabender Struktur geboten wird – aber es gibt auch prozessuale Hinweise, zumindest dort, wo es nötig ist.

Daneben aber hat das Buch zwei Nachteile: Erstens hat man nicht die Zeit, die 570 Seiten vollständig durchzuarbeiten – abgesehen davon, dass man dieses Buch nicht “einmal durcharbeitet” und den Stoff dann beherrscht. Zweitens fehlt hier ja gerade das, was viele am Anfang suchen: Die “Basics”.

Ich denke, als Referendar sollte man für eine derart zielgerichtete Aufbereitung wirklich Praxisrelevanter Themen dankbar sein und es nutzen – aber auch dies dann nur zielgerichtet, sprich: Wenn man es braucht. Dabei sollte man sich frühzeitig überlegen, die Kapitel zum Gebrauchtwagenkauf und Wohnraummietprozess vorbereitend anzugehen: Zum einen wird dies wirklich sehr oft Thema sein, zum anderen nicht nur “bei Gericht”, sondern auch bei Anwälten – und für viele sicherlich nicht uninteressant – im privaten Umfeld, wo man sich der drängenden Fragen beim besten Willen nicht entziehen kann.

Anders geht da “Materielles Zivilrecht im Assessorexamen” heran: Hier geht es nur um Basics, die aber in der Tat nur für Referendare aufbereitet werden – die Autoren wissen, was “kompakt” bedeutet.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert:

  1. Prüfungsreihenfolge im Zivilrecht
  2. Die wichtigsten Vertragstypen
  3. Die wichtigsten zivilrechtlichen Nebengebiete

Hinter dem ersten Teil verbirgt sich das, was man aus dem Studium kennt, auch wenn der Titel es nicht erahnen lässt: Es wird in einem extremen Schnelldurchlauf das an Anspruchsgrundlagen abgeackert, was sitzen muss. Sprich: Vertragliches, Quasivertragliches, Dingliches, Deliktisches, ungerechfertigte Bereicherung, Sonstiges. Die Autoren fangen nicht bei “A” an, sondern steigen dabei jeweils unmittelbar in das Thema ein und behandeln ausgewählte Detailprobleme, die man auch als Student gerne mal übersehen hat. Also Fragen rund ums EBV etwa oder natürlich die immer wieder beliebten Dreiecksprobleme, speziell im Rahmen der Rückabwicklung im Bereicherungsrecht. Das Ganze gepresst auf 128 Seiten, die man problemlos in wenigen Tagen durcharbeiten kann.

Der zweite Teil geht dann nochmal – ähnlich einem Kurs zum “Schuldrecht BT” auf die wichtigsten Vertragstypen ein, aber: Nicht wie das zuerst besprochene Werk in praktischer Form, also etwa zum “Gebrauchtwagenkauf”, sondern hier geht es dann um “den Kaufvertrag”, “den Bürgschaftsvertrag” etc. Besonderheiten sind hier die kurzen Ansprachen des Anfechtungsgesetzes und des Prozessvergleichs – ansonsten: Materielles Recht pur.

Auch wenn der erste Teil natürlich der Knaller schlechthin ist: Auch der dritte Teil ist beeindruckend – wo sonst bekommt man auf 6 Seiten eine Darstellung des Handelsrechts? Oder auf 9 Seiten eine Zusammenfassung des Gesellschaftsrechts? In ähnlicher Kürze werden geboten: Familienrecht, Erbrecht und Arbeitsrecht. Für alle 5 Rechtsgebiete benötigen die Autoren gerade einmal um die 50 Seiten – das ist quasi eine Einladung, die ohnehin knappe Zeit nicht zu verschwenden und hier zielgerichtet zu investieren.

Vom Schriftbild her ist der Kaiser/Kaiser/Kaiser dem Tempel/Graßnack/Kosziol/Seyderheim sicherlich voraus (was nicht zuletzt am Format liegt), während in der Sprache beide Werke sich nichts tun: Der Kaiser/Kaiser/Kaiser hat sicherlich die etwas angenehmere Sprache, die aber dennoch – auf Grund der kompakten Form – schwierig bleibt.

Im Fazit ist es eine naheliegende Empfehlung: Das Buch von Kaiser/Kaiser/Kaiser möglichst anschaffen und durcharbeiten, zumindest den ersten Teil, um die Basics nochmal halbwegs irgendwo abrufbar zu haben. Das Werk von Tempel/Graßnack/Kosziol/Seyderheim ist ausgezeichnet, aber inhaltlich eher etwas zum Zielgerichteten aufbereiten, sprich: Wenn der Bauprozess auf der Tapete steht, nimmt man sich das Werk und arbeitet Kapitel 4 durch. Allerdings kann es hier ein grundsätzlicher Ratschlag sein, in den knappen Zeitplan eine Lektüre der ersten beiden Kapitel, losgelöst von Relevanz, einzubauen. Die preisliche Gestaltung der Werke untermalt diese Einschätzung sicherlich.

Daten zu den Büchern

Tempel/Graßnack/Kosziol/Seyderheim
Materielles Recht im Zivilpropzess
5. Auflage
Verlag C.H.Beck, JuS-Schriftenreihe
ISBN 9783406582943
Preis: 39 Euro

Kaiser/Kaiser/Kaiser
Materielles Zivilrecht im Assessorexamen
4. Auflage
Verlag Luchterhand, Reihe Assessorexamen – Lernbücher für die Praxisausbildung
ISBN 9783472076025
Preis: 23 Euro